Schonhaltung – eine Fallgeschichte

Schonhaltungen nach Verletzungen sind ein weit verbreiteter Grund für Bewegungseinschränkungen. Ist ein Bein gesund, sobald ein Bruch verheilt ist?

Kleinere Kinder reagieren unmittelbar und häufig unlogisch (wie unsere Körper), und sind damit in gewisser Weise ehrlicher als Erwachsene. Aus ihrem Verhalten lassen sich Rückschlüsse auf uns selbst ziehen. Körper geben Schonhaltungen nicht grundlos auf – und auch Erwachsene haben einen „inneren Tiger“. Manchmal sind wir nicht gesund, auch wenn unsere Knochen zusammen gewachsen sind. Hier ist eine Fallgeschichte aus meiner Praxis (weitere Informationen zum Thema „Schonhaltung“ finden Sie hier.).

Ein Beinbruch im Kopf

Lea kam zu mir, als sie drei JahSchonhaltung feldenkraisre alt war. Bei einem Sturz von einem Klettergerüst hatte sie sich vor einiger Zeit das Bein gebrochen. Es war ein komplizierter Bruch; eine derartige Verletzung ist eine tief verstörende und erschütternde Erfahrung für ein Kind.

Der Bruch war gut verheilt, der Gips konnte entfernt werden. Leas Bein galt als gesund. Trotzdem zögerte sie, es zu belasten. Sie ging mit vorsichtigen, leicht humpelnden Schritten, das linke Bein angezogen und etwas steif an der Hand ihres Vaters. Lea streckte ihre rechte Hand zögernd aus, um mich zu begrüßen, die andere Hand umklammerte einen Tiger, dessen Vorderpfote in einem dicken Verband steckte. Ich hätte nicht sagen können, wer wen festhielt. Aufgeregt erzählte sie mir, der Tiger hätte sich ein Bein gebrochen.

Obwohl kleine Kinder häufig – im wahrsten Sinne des Wortes – „Doktor spielen“ und ihre Puppen und Plüschtiere verbinden, ist es ungewöhnlich, dass dieses Spiel über längere Zeit aufrecht erhalten wird. Lea bestand darauf, den Verband regelmäßig zu erneuern und nicht abzunehmen – genauso, wie ihr Körper seine Schonhaltung nach ihrer Verletzung weithin aufrecht erhielt.

Ich beschloss, mich zuerst um den Tiger zu kümmern und bat Lea, gut auf ihn aufzupassen. Wir legten ihn auf den Behandlungstisch.

Ein Tiger mit einem gebrochenen Bein

tiger fuss feldenkraisIch fing an, den Schwanz des Tigers zu untersuchen. Leas Augen waren weit aufgerissen, sie verfolgte die Vorgänge mit misstrauischem Interesse, aber ihre Stimme war fest und entschieden als sie meine Frage beantwortete: „Tut ihm das weh?“  „Nein“.

Der Tiger war sehr mutigund geduldig. Ich untersuchte Pfote für Pfote (die gesunden Beine zuerst), und immer antwortete Lea, mit wachsender Begeisterung, auf meine Frage: „Und tut das weh?“ mit Nein. Der Tiger ließ die Untersuchung  über sich ergehen, er wirkte sogar, als hätte er Spaß daran. Er fing an, mit Lea zu spielen und nach ihrer Hand zu greifen. Sie kicherte.

Als ich vorschlug, den Verband zu entfernen, stimmte Lea sofort zu. Sie streichelte den Tiger beruhigend, während ich vorsichtig den Verband löste. Der Tiger ließ es klaglos geschehen. Wir begannen das Bein behutsam zu bewegen – und Lea entschied, dass es vollkommen gesund war und keinen Verband nötig hatte.

Ein Körper gibt seine Schonhaltung nicht grundlos auf

Jetzt bat ich Lea, sich auf den Tisch zu legen, sie krabbelte ohne Zögern hinauf. Vorsichtig tastete ich ihr Bein ab und stellte die gleiche Frage: „Tut das weh?“ Es tat nicht weh. ch stellte den Fuß sanft auf den Tisch,  und wartete auch hier auf Leas Zustimmung. Sie hatte keine Schmerzen. Mit zunehmender Sicherheit ließ Leas fühlbare Spannung nach, das Bein wurde weicher, beweglicher. Die Reaktionen von Brustkorb und Beckenbewegung, besonders ab der Atem veränderten sich.

Ich bin kein Arzt. Selbstverständlich habe ich mich auf seine Aussage verlassen, dass das Bein stabil ist – andernfalls hätte ich nicht mit Lea gearbeitet. Ich hatte auch keine Schmerzen erwartet, Lea war ein gesundes Kind. Allerdings war meine Erwartungshaltung, wie die des Arztes, oder von Leas Eltern, für sie weitgehend unwichtig. Lea musste sich selbst überzeugen.

m wesentlichen bestand meine Arbeit darin, ihr einen absolut sicheren Rahmen zu schaffen, in dem sie zuerst ihren Tiger, dann sich selbst als schmerzfrei erleben durfte.

Laufen Lernen

kind bewegung feldenkraisNach etwa einer halben Stunde begleitet ich Lea und ihren Vater zu Tür. Der Hintereingang meiner Praxis geht zu einem Garten hinaus. Ich wollte ihr noch etwas Zeit geben und sie laufen sehen, also schlug ich ihr vor, sich im Garten umzuschauen. Leas Gangbild hatte sich etwas verbessert, aber man konnte noch immer sehen, dass sie leicht humpelte.

Im hinteren Teil des Gartens stehen Spielgräte, ein Sandkasten, Plastikspielzeug, Bälle und eine tief hängende Schaukel. Während ich mit dem Vater redend an der Tür stand und sie für den Augenblick nicht weiter beachtete, legte Lea sich mit dem Bauch auf die Schaukel und fing an, sich mit ihrem gesunden Bein abzustoßen. (Lea hatte auch früher die Gelegenheit gehabt, mit einem derartigen Spielzeug zu spielen, hatte sie aber nicht entsprechend genutzt).  Langsam schwang sie hin und her, stieß sich noch immer ausschließlich mit ihrem rechten Bein ab. Dann geschah etwas Außergewöhnliches: ganz vorsichtig fing sie an, auch das zweite Bein einzusetzen,  zuerst eher tastend mit sehr wenig Kraft. Sie erprobte Bewegungen, die wir gerade gemacht hatten. Die Belastung war sicher und kontrollierbar für sie, die Schaukel trug ihr Körpergewicht, und sie machte noch einmal die Erfahrung: es tut nicht weh. Sie konnte sich selbst davon überzeugen: Es ist ganz leicht! Wir konnten zusehen, wie sie mutiger wurde. Bereits nach einer Minute konnte sie ihr zweites Bein mit der gleichen Sicherheit einsetzen wie das erste. Sie stieß sich mit großzügigen Laufschritten kraftvoll mit beiden Beinen ab und schaukelte hin und her.

Als sie danach auf uns zu rannte, war das Humpeln verschwunden.

ch hatte etwa dreißig Minuten mit ihr gearbeitet, zehn davon mit einem Plüschtier. Den entscheidenden Schritt – im wahrsten Sinne des Wortes – war Lea allerdings selbst gegangen. Und das Faszinierende daran: Die Dreijährige muss es auf die eine oder andere Art gewusst haben, als sie sich entschied, sich auf die Schaukel zu legen.

Ich wurde 1964 in Stuttgart geboren. Nach dem Abitur trainierte ich klassischen Tanz, um mich letztendlich doch für eine Schauspielausbildung zu entscheiden. Während meines Studiums verlagerte sich mein Interessensschwerpunkt auf Sprache und Schreiben. Etliche Veröffentlichungen folgten. Weitere Erfahrungen sammelte ich als Unternehmerin und Mutter. Durch chronische Schmerzen nach einer Verletzung war ich gezwungen, mich verstärkt mit mir und meinem Körper auseinanderzusetzen, und fand 1999 in der Feldenkrais-Methode die hilfreichste und effektivste Möglichkeit, meine Situation zu verbessern. 2006 entschloss ich mich, aus dem Unternehmen auszusteigen und mich ganz auf die Feldenkrais-Arbeit zu konzentrieren. Nach der Prüfung zur Heilpraktikerin nahm und nehme ich an diversen Weiterbildungen zu spezifischen Aspekten der Feldenkraisarbeit teil. Ich lebe mit meinem Mann und zwei Kindern in Berlin.

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