Feldenkrais und Kreativität

Bewegung ist nicht gleich Bewegung

Die Lösung für unsere Probleme liegt oft in völlig unerwarteten Gebieten. Entscheidend ist dabei häufig nicht die Lösung an sich, sondern die Fähigkeit, sich flexibel auf seine Umwelt einzustellen, Variationen im eigenen Verhalten und finden und sich anzupassen.

Manchmal stecken wir fest.

Was eine Handlung anpassungsfähig und funktional macht, ist nicht die Fähigkeit, Bewegungen zuverlässig zu wiederholen, sondern die Fähigkeit, Bewegungen zu verändern, aus einer Vielzahl von Möglichkeiten im Handlungsrepertoire auszuwählen, und neue Bewegungsformen hervorzubringen, die dem sich verändernden Körper in einer variablen Welt gerecht wird. Wesen, deren Leben voller Überraschung ist, würden von starren und vorgegebenen Verhaltensmustern, die nicht auf Veränderung reagieren können, nicht profitieren.“

(Karen E. Adolph, Professorin für Psychologie und Neurowissenschaften, New York University, Oxford Handbook of Developmental Psychology, S. 421.)

 

Dieser Grundsatz gilt nicht nur für Bewegungen, sondern für Handlungen im Allgemeinen, Emotionen, sogar das Denken (diese Bereiche  sind im Feldenkrais ohnehin untrennbar miteinander verknüpft). Um unsere Handlungen effektiver, erfolgreicher und angenehmer zu gestalten, sollte der Schwerpunkt einer Intervention daher nicht unbedingt auf dem Erlernen einer einzelnen Lösungsstrategie oder Bewegung liegen, sondern auf der Suche nach Variationen und Flexibilität – und diese Flexibilität wird sich von der körperlichen auf die geistige Ebene, vom Denken ins Handeln, von Bewegung zu Emotionen übertragen lassen – ein gewaltiger Unterschied zu den herkömmlichen Ansätzen einer Rückenschule.

 „Du musst deine Grenzen akzeptieren, um grenzenlos zu werden“

„Organisches Lernen ist grundlegend, daher unerlässlich. Es kann auch therapeutisch wirken. Lernen ist gesünder, als Patient zu sein oder sogar als geheilt zu werden. Leben ist kein Ding, sondern ein Prozess. Prozesse aber gehen gut, wenn es viele Wege gibt, sie zu beeinflussen. Um das zu tun, was wir möchten, brauchen wir mehr Wege als nur den einen, den wir kennen – mag er auch an sich ein guter Weg sein.“ – (Moshé Feldenkrais, Die Entdeckung des Selbstverständlichen, Suhrkamp 1987)

Welche völlig unerwarteten Wendungen ein solcher Ansatz nach sich ziehen kann, wenn man sich darauf einlässt, ist hier in einem TED-Beitrag des Künstlers Phil Hansen zu sehen. Obwohl der Vortrag nicht ins Deutsche übersetzt ist, lässt sich das Video anhand der Bilder leicht verstehen. (einige wichtige Übersetzungen stehen unten)

Dieses Video zeigt die Entwicklung eines Künstlers, der sich durch seine Arbeit (jahrelange Arbeit in winzigen Punkten) irreversible Nervenschädigungen zugezogen hat, und seinen Beruf aufgeben musste. Bis er daraus einen neuen Ansatz entwickelte: akzeptiere deine Grenzen. Umarme sie. Und folge ihrer Kreativität.

Embrace the Shake

„… und wo ich zuvor nur eine einzige Möglichkeit hatte, künstlerisch zu arbeiten, hatte ich schließlich eine Einstellung zu Kreativität gefunden, die meinen künstlerischen Horizont vollkommen veränderte. (…) eine Einschränkung anzuerkennen, konnte Kreativität tatsächlich fördern. „

 Dann spricht er davon, dass er endlich genügend Material und Geld hatte, um seine Visionen umzusetzen – und feststellen musste, dass er keine mehr hatte. Bis er wieder daran dachte, mit Einschränkungen zu arbeiten. (das Werk mit den Kaffeebechern kostete 80.- Cent)

 Goodbye Art: Loslassen – Arbeit mit vergänglichen Materialien. (Mona Lisa aus Hamburger Fett)

Ich lernte, meine Kunst von der Erwartungshaltung, von Ergebnissen zu befreien.

Es ging nicht nur um Kunst, oder künstlerische Fähigkeiten. Ich stellte fest, dass es um mein ganzes Leben ging.

„Finde deine wahre Schwäche und kapituliere vor ihr. Darin liegt der Weg zum Genie. Die meisten Leute verbringen ihr Leben, indem sie ihre Kraft damit vergeuden, ihre Schwächen zu überwinden oder zu verdecken. Jene Wenigen, die ihre Kräfte nutzen, um ihre Schwächen zu verkörpern, die sich selbst nicht spalten, sind sehr selten. Es gibt in jeder Generation ein paar davon und oft führen sie ihre Generation an.“  – Moshé Feldenkrais

Ich wurde 1964 in Stuttgart geboren. Nach dem Abitur trainierte ich klassischen Tanz, um mich letztendlich doch für eine Schauspielausbildung zu entscheiden. Während meines Studiums verlagerte sich mein Interessensschwerpunkt auf Sprache und Schreiben. Etliche Veröffentlichungen folgten. Weitere Erfahrungen sammelte ich als Unternehmerin und Mutter. Durch chronische Schmerzen nach einer Verletzung war ich gezwungen, mich verstärkt mit mir und meinem Körper auseinanderzusetzen, und fand 1999 in der Feldenkrais-Methode die hilfreichste und effektivste Möglichkeit, meine Situation zu verbessern. 2006 entschloss ich mich, aus dem Unternehmen auszusteigen und mich ganz auf die Feldenkrais-Arbeit zu konzentrieren. Nach der Prüfung zur Heilpraktikerin nahm und nehme ich an diversen Weiterbildungen zu spezifischen Aspekten der Feldenkraisarbeit teil. Ich lebe mit meinem Mann und zwei Kindern in Berlin.

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