Fragen zur Feldenkrais-Methode – Dore Steinert Interview

Für wen eignet sich die Feldenkrais-Methode?

Fragen zur Feldenkrais-Methode - Dore Steinert Interview - Für wen ist Feldenkrais?Feldenkrais verbessert die Bewegungsorganisation ihres Nervensystems und damit ihres Körpers. Eine Steigerung von Effektivität und Bewegungsumfang kann für einen Hochleistungssportler allerdings eine andere Bedeutung haben als für Menschen mit Polyneuropathien oder für ältere Schmerzpatienten. In Einzelfällen gibt es spezielle Kurse für Sänger, Reiter oder Menschen mit Schlafstörungen. Die Bandbreite reicht von Bewegungen der Zunge und Augen bis zu Judorolle und Kopfstand. Fragen Sie daher nach, ob der jeweilige Kurs für Sie empfehlenswert ist, oder besprechen Sie ihre speziellen Wünsche in einer Einzelstunde.

Viele Menschen machen bereits Yoga/Tai Chi/Lauftraining, um etwas für ihre Gesundheit zu tun. Wo ist der Unterschied zu Feldenkrais?

Durch die Feldenkrais-Methode erlernen Sie keine „Schritte“ oder „Technik“. Sie verbessern ihre Körperwahrnehmung und Bewegungsorganisation. Diese Veränderungen lassen sich übertragen – die Drehbewegung der Wirbelsäule ist für Golfspieler so relevant wie für Yogaübungen, die Fähigkeit, die Beine leichter zu bewegen, hilft Senioren, Tänzern und Marathonläufern gleichermaßen.

Feldenkrais hilft darüber hinaus Verletzungen vorzubeugen und einseitige Belastungen auszubalancieren, die bei vielen Sportarten auftreten.

Warum gibt es Einzel- und Gruppenstunden? Wo ist der Unterschied? 

Das Angebot von Einzel- und Gruppenunterricht ist eine Herangehensweise, die von kaum einer anderen Methode angeboten wird. Empfehlenswert ist auf jeden Fall die Kombination beider Möglichkeiten. Obwohl die Herangehensweise zunächst sehr unterschiedlich erscheint, basieren beide Ansätzen auf denselben Grundprinzipien. Zum Einen ist es eine Frage des Temperaments. Was liegt ihnen mehr?

Gruppenarbeit (sogenannte ATMs ) ist für jedermann bezahlbar, spielerisch, kreativ. Sie ist hervorragend geeignet für Menschen, die ihre körperlichen Fähigkeiten erweitern, die Beweglichkeit verbessern, Verspannungen lösen und Spaß mit ihrem Körper haben wollen. Darüber hinaus gibt Ihnen diese Methode unabhängig von Lehrern, Ärzten oder Physiotherapeuten die Eigenverantwortung für ihren Körper zurück.

Die Einzelarbeit (so genannte FI) ist intensiver, effektiver und sehr genau auf die Bedürfnisse des Klienten abgestimmt. Hier können spezifische Fragen angesprochen werden – eine schmerzende Schulter, Schlafschwierigkeiten, die Verbesserung des Abrollens beim Joggen.

Für Menschen mit starken Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen und für Kinder, insbesondere Babys, kommen eventuell zunächst nur Einzelstunden in Frage. 

Sie arbeiten mit Menschen mit chronischen Schmerzen, Bandscheibenvorfällen, Migräne oder einem Kiefergelenksyndrom. Können diese Patienten auch am Gruppenunterricht teilnehmen? 

Bei stärkeren Beschwerden ist auf jeden Fall eine Einzelstunde empfehlenswert, um die Feldenkrais-Methode kennenzulernen. Ziel der Arbeit in Einzelstunden ist aber auf jeden Fall, die Patienten so bald wie möglich in die Lage zu versetzen, an Gruppenstunden teilzunehmen – wenn sie es wollen. Feldenkrais legt den Schwerpunkt auf die Leichtigkeit beim Ausführung einer Bewegung, nicht auf das Erreichen eines Ziels.

In Gruppenstunden erforschen Sie in einem möglichst schmerzfreien Bereich die Reaktionen Ihres Körpers. Wo können Sie sich eine Bewegung erleichtern? Halten Sie den Atem an? Welche verschiedenen Möglichkeiten gibt es, um eine Bewegung auszuführen? Welche zeitliche und räumliche Koordination ermöglicht die einfachste Bewegung? Wo ist Muskelspannung hilfreich, und wo kann sie aufgegeben werden? Stimmt ihre Vorstellung mit der Realität überein? Ist der Schmerz, den Sie erwarteten, wirklich noch da?

Ich lege Wert darauf, Übungen auszuwählen, die für die Teilnehmer des jeweiligen Kurses geeignet sind.

Was ist der Unterschied zwischen Feldenkrais, Massage und Chiropraktik?

Alle Methoden haben die Arbeit mit Berührung und dem menschlichen Körper gemeinsam. Darüber hinaus unterscheiden sie sich in ihren Ansätzen: Chiropraktiker arbeiten mit den Knochen und der Struktur des Skeletts. Massagen richten sich in der Regel an die Muskulatur.

Die Feldenkrais-Methode benutzt Skelett und Muskulatur, arbeitet aber mit dem Nervensystem. Hier entsteht die Fähigkeit, Bewegung zu koordinieren und zu regulieren.

Hilft Feldenkrais auch bei psychosomatischen Krankheiten? 

In der Feldenkrais-Methode hängen Denken, Fühlen, Wahrnehmung und Bewegung untrennbar zusammen. Die Existenz psychosomatischer Krankheiten ist inzwischen wissenschaftlich hinreichend belegt: Psychische Probleme haben eine Auswirkung auf den Körper. Feldenkrais kehrt diesen Effekt um: wenn Sie lernen, sich in ihrem Körper wohler zu fühlen, wird sich auch ihr psychischer Zustand verbessern. Auch Burn-Out, Panikattacken, Schlaflosigkeit und Stressanfälligkeit haben häufig eine körperliche Komponente, die in herkömmlichen therapeutischen Maßnahmen nicht behandelt wird.

Was für eine Ausrüstung wird benötigt?

Einzelstunden: Tragen Sie warme, sehr bequeme Kleidung, möglichst langärmlig, und Strümpfe oder Socken.

Gruppenunterricht: Feldenkrais wird häufig im Liegen unterrichtet. Matten sind in der Regel vorhanden, aber bringen Sie eventuell aus hygienischen Gründen ein Handtuch, eine Decke oder eine eigene Yogamatte mit.

Besondere Sportkleidung benötigen Sie nicht, es spricht nichts dagegen, ihre Alltagskleidung zu tragen. Achten Sie darauf, dass die Kleidung (Hose) sehr bequem und sehr warm ist. Brillen, Uhren und Schmuck können stören und sollten nach Möglichkeit abgelegt werden.

Gibt es Stunden für Anfänger- und Fortgeschrittene? 

Die Gruppenarbeit basiert auf einer Sammlung von über 600 Basisübungen. Sie werden darüber hinaus  noch variiert und dem jeweiligen Stand der Gruppe angepasst.

Jede Stunde ist daher neu und anders, ein Einstieg in eine Gruppe ist grundsätzlich jederzeit möglich. Auch Anfänger können die Anweisungen problemlos verstehen und umsetzen. Die Übungen werden absichtlich nicht „vorgeführt“ oder „gezeigt“, sondern verbal angeleitet und während der Stunde erforscht. Mit dem steigenden Körperbewusstsein wächst der Erfahrungsschatz des einzelnen Teilnehmers, die Entwicklung findet also eher innerhalb ihres Gehirns statt als im Vergleich zu Anderen.

Es kann – nicht anders als beim Yoga oder dem Erlernen einer Kampfsportart – einige Zeit dauern, bis der Effekt deutlich spürbar ist. Ein Minimum von fünf Stunden ist zum Kennenlernen zu empfehlen.

Zahlt die Krankenkasse bei Rückenschmerzen oder Rheuma? 

Einzelstunden können über entsprechende Heilpraktiker- Zusatzversicherungen abgerechnet werden.

Einige Kassen bezahlen Kurse bei manchen Krankheitsbildern (z.B. Multiple Sklerose) oder im Rahmen von Kurangeboten. Der Nutzen bei der Krebsnachsorge ist inzwischen wissenschaftlich belegt.

Im Rahmen der Prävention (Yoga, Nordic Walking etc.) zahlen die meisten Kassen in der Regel heutzutage noch nicht.

Was ist die wissenschaftliche Grundlage der Feldenkrais-Methode? 

Nach seinem Studium in Elektrotechnik, Mechanik und Physik arbeitete Dr.Feldenkrais ursprünglich als Nuklearphysiker im Labor des Nobelpreisträgers Joliot Curie. Gleichzeitig war er der erste Europäer, der einen schwarzen Gürtel im Judo erhielt. Sein Interesse an effizienter Bewegung erweiterte Feldenkrais durch Studien der Neurologie, Neurophysiologie und Kindesentwicklung.

Mosche Feldenkrais selbst bezeichnete seine Arbeit nicht ohne Selbstironie als „eine Mischung aus Intuition und der Lehre einer kommenden Wissenschaft“. Ohne bildgebende Verfahren oder die Möglichkeit, Doppelblindstudien vorzunehmen, musste er den evidenzbasierten wissenschaftlichen Beweis (Wiederholbarkeit, Vergleichsgruppen, prospektiv …) schuldig bleiben.

Neueste neurologische Erkenntnisse über den Einfluss der Emotionen (Damasio), die Neurogenese (Kandel, Merzenich) oder Spiegelneuronen (Ramachandran, Gallese) unterstützen seine Arbeitshypothesen.

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