Rückenschmerz – Studien

Für Rückenschmerzen werden häufig Haltungsprobleme, Skelettfehlstellungen und strukturelle Probleme wie Bandscheibenvorfälle verantwortlich gemacht. Daraus folgt die naheliegende Annahme, dass sich Schmerzen durch die Korrektur dieser Auffälligkeiten – durch Training, Muskelaufbau, Stretching, orthopädische Hilfsmittel oder Operationen – lindern lassen.

Lässt sich die Volkskrankheit „Rückenschmerz“ tatsächlich mit diesen Annahmen erklären? Sehen wir uns einige Studien an.

Skelettasymmetrien sind häufig eine Ursache der Rückenschmerzen

Skeletasymmetrien - Rückenschmerzen - FeldenkraisEine weit verbreitete Asymmetrie des Skeletts ist die unterschiedliche Länge der Beine. Beinlängendifferenzen, leichte Skoliosen und Hüftfehlstellungen werden für viele Rückenschmerzen verantwortlich gemacht. Auf den ersten Blick scheint diese Annahme logisch. Laut dieser Studie zeigen Beinlängendifferenzen von unter 20mm allerdings kein erhöhtes Risiko für chronische Schmerzen im unteren Rücken (die durchschnittliche Beinlängendifferenz beträgt ca. 5,2 mm).

(Does unequal leg length cause back pain? A case-control study. Grundy PF, Roberts CJ.)

 Auch verkürzte Muskulatur kann zu Rückenschmerzen führen

verkürtzte Muskulatur - Rückenschmerzen - FeldenkraisIn der folgenden Studie wurden 600 Soldaten über einen Zeitraum von vier Jahren drei Mal untersucht. In dieser Gruppe waren ein erhöhter Muskeltonus im Psoas undan der Rückseite der Oberschenkelmuskulatur weit verbreitet – bei Dehnungsübungen konnten nur ca. 40 % der Beine aus der Rückenlage in einen Winkel von mindestens 80° gehoben werden.

Ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen der angespannten Muskulatur und bestehenden oder in den darauffolgenden Untersuchungen diagnostizierten Rückenschmerzen konnte nicht gefunden werden.

(Tightness of hamstring- and psoas major muscles. A prospective study of back pain in young men during their military service. Hellsing AL.)

Ist schlechte Haltung für Rückenschmerzen verantwortlich?

schlechte Haltung - Rückenschmerzen - FeldenkraisIn einer über 25 Jahre laufenden Studie wurde die Verbindung zwischen Haltung und der Entwicklung von Rückenschmerzen im Erwachsenenalter untersucht. Junge Frauen mit Haltungsasymmetrien, Kyphosen (Rundrücken) oder einer übermäßig ausgeprägten Lordose im Lendenwirbelbereich (Hohlkreuz) zeigten kein größeres Risiko, an Rückenschmerzen zu leiden als eine Vergleichsgruppe mit „besserer Haltung“.

(An epidemiologic study of the relationship between postural asymmetry in the teen years and subsequent back and neck pain. Dieck GS, Kelsey JL, Goel VK, Panjabi MM, Walter SD, Laprade MH.)

In einer Auswertung von 54 Studien (mäßiger Qualität) zum Thema Haltung und Rückenschmerzen konnte kein klarer Beweis zum Zusammenhang zwischen den Kurven der Wirbelsäule und der allgemeinen Gesundheit (einschließlich der Entwicklung von Rückenschmerzen) erbracht werden.

(Spinal curves and health: a systematic critical review of the epidemiological literature dealing with associations between sagittal spinal curves and health. Christensen ST1, Hartvigsen J., 2008)

Obwohl einige dieser Studien durchaus auf Korrelationen zwischen Rückenschmerzen und Haltung hingewiesen haben, ist es wichtig, dass ein Zusammenhang nicht unbedingt auf die Ursache hinweisen muss: es ist gut möglich, dass eine schlechte Haltung – in diesem Fall eine Schonhaltung – erst durch die Rückenschmerzen entsteht, statt sie zu verursachen.

Bandscheibenvorfälle und auffällige MRT-Befunde

Bandscheibenvorfälle und auffällige MRT-Befunde - Rückenschmerzen - FeldenkraisAuch aufgrund von strukturellen Veränderungen scheint sich keine gute Voraussage über das Auftreten von Rückenschmerzen treffen zu lassen.

In einer berühmten Studie von 1994 wurden fast 100 Probanden ohne Rückenschmerzen untersucht. Nur ca. 35 von ihnen wiesen keinerlei Auffälligkeiten im Wirbelsäulenbereich auf. Ca. 50 Probanden zeigten Veränderungen an den Bandscheiben, 27% hatten eine Vorwölbung der Bandscheibe, und ein Studienteilnehmer hatte einen Bandscheibenvorfall. Sämtliche Veränderungen waren symptomfrei.
In Anbetracht dieser Erkenntnisse zogen die Autoren den Schluss, dass „im MRT entdeckte Veränderungen oder Vorwölbungen bei Menschen mit Schmerzen im unteren Rücken häufig zufällige Befunde darstellen.“

  (Magnetic resonance imaging of the lumbar spine in people without back pain. Jensen MC1, Brant-Zawadzki MN, Obuchowski N, Modic MT, Malkasian D, Ross JS.)

In einer weiteren Studie mit Hockeyspielern wurden bei 70% 39 der Studienteilnehmer im MRT Auffälligkeiten im Bereich von Hüften und Becken entdeckt. Die Befunde ergaben unter andrem Riss im Bindegewebe, Muskelverletzungen und Entzündungen der Hüftgelenke. Nur zwei Studienteilnehmer berichteten über leichte Schmerzen (3 von 10 Punkten auf der Schmerzskala), mit minimalen oder keinen Einschränkungen.(New study finds 70 percent of able-bodied hockey players have abnormal hip and pelvis MRIs)

Weitere Risikofaktoren für Rückenschmerzen…

Risikofaktoren -Rückenschmerzen - Feldenkrais

Interessanterweise lassen sich viele Studien finden, die klare Zusammenhänge zwischen Rückenschmerzen und anderen Faktoren herstellen.

Als Risikofaktoren gelten unter anderem Stress, sozialer Status, Einkommensgerechtigkeit und Befriedigung am Arbeitsplatz

(Psychosocial factors in the workplace–do they predict new episodes of low back pain? Evidence from the South Manchester Back Pain Study. Papageorgiou AC1, Macfarlane GJ, Thomas E, Croft PR, Jayson MI, Silman AJ.)

Das soll nicht bedeuten, dass Skelettfehlstellungen, Bandscheibenvorfälle, Muskelverletzungen und Entzündungen keine Schmerzen hervorrufen können – natürlich können sie es. Schwere Bandscheibenvorfälle gelten z.B. als Notfälle und sollten unbedingt operiert werden (Kauda-Syndrom). Lassen Sie ihre Beschwerden bitte vom Arzt abklären.

Die Tatsache, dass viele Menschen mit derartigen Befunden schmerzfrei leben können, oder ohne Befund starke Schmerzen haben, wirft allerdings die Frage auf, wie wir persönlich mit unserem Schmerz umgehen wollen – unabhängig von der Diagnose. 

Weitere Informationen unter Back Pain Myths: Posture, Core Strength, Bulging Discs von Todd Hargrove.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Scroll to top