Tennis – Spitzensport und Körperbewusstsein

Interview mit Melinda Glenister, Technik Spezialistin, Wimbledon.

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Dore Steinert: Melinda, du arbeitest mit professionellen Tennisspielern, und du bist Feldenkrais-Lehrerin. Eine sanfte Methode für kinästhetisches Bewusstsein, und eine wettkampforientierte Sportart, die höchste Anforderungen an die Spieler stellt – das scheint auf den ersten Blick eine ungewöhnliche Kombination zu sein.

Melinda: Ich habe meine Arbeit ursprünglich als aktive Tennis-Spielerin begonnen. Als Jugendliche habe ich an Wettkämpfen teilgenommen und voll trainiert. Aber ich hatte viel mit Verletzungen zu kämpfen, bis hin zu einem Ermüdungsbruch meiner Wirbelsäule. Durch diese persönliche Erfahrung im Umgang mit meinen eigenen Verletzungen habe ich viel über Technik gelernt, über Bewegungsgewohnheiten, und über die Schwierigkeit, diese Angewohnheiten zu ändern. Als ich aus den aktiven Wettkämpfen ausstieg, habe ich angefangen, mit anderen Tennisspielern zu arbeiten. Mein Schwerpunkt lag auf der Verbesserung ihrer Technik. In erster Linie arbeitete ich mit Spielern, die ein Comeback nach einer Verletzung planten. Irgendwann habe ich die Feldenkrais-Methode kennengelernt, und plötzlich hat alles zusammengepasst.

Feldenkrais und Tennis, diese Kombination klingt vielleicht ungewöhnlich. Aber ich weiß sowohl aus meiner eigenen Erfahrung als auch von den Spielern, mit denen ich gearbeitet habe, dass Verletzungen zu einem Teufelskreis führen können, und sobald die Schwierigkeiten anfangen, ist es sehr schwer, wieder auszusteigen. Ein Problem führt zu einer Kompensation, die wiederum ein neues Problem verursacht, das kompensiert werden muss.

Die effektivste Möglichkeit, lang anhaltende Veränderungen zu schaffen und aus diesem Kreislauf auszusteigen besteht dahin, das Tempo zurückzunehmen und die Körperwahrnehmung zu verbessern.

Dore Steinert: Du arbeitest mit Spitzenspielern wie  Pat Cash (u.a. Wimbledon Champion 1987),  den du nach einer Verletzung über Jahre begleitet hast, oder dem Weltranglisten Doppelspieler Mike Bryan während einer fünfjährigen Gewinnsträhne, einschließlich seiner Siege bei den French Open und in Wimbledon.

In wie weit hat Körperbewusstsein ihr Training beeinflusst?

Melinda:  Ihr Training erhält einen ganz neuen Aspekt von Leichtigkeit und Mühelosigkeit. Beides sind erfahrene Spieler, die eine lange Karriere hinter sich haben. Beide sind über den Punkt hinaus, in dem sie ihren Körper zu Höchstleistungen zwingen wollen. Sie haben verstanden, dass es für sie nicht funktioniert. Sie suchen stattdessen nach Möglichkeiten, ihre Leistung zu steigern, indem sie ihre individuellen Fähigkeiten berücksichtigen und ausbauen. Das erreichen sie, in dem sie die Belastung der bereits überarbeiteten Bereiche reduzieren, und nach Stellen suchen, in denen sich kleine Veränderungen erreichen lassen. Auf diesem Leistungsniveau haben schon kleine Verbesserungen – zum Beispiel in der Freiheit von Rippen und Hüften – große Auswirkungen auf die Stressbelastung am Ende eines Turniers oder einer Trainingsperiode. Sowohl Cash als auch Bryan fanden dadurch einen Weg, sich nicht über ihre Leistungsgrenzen zu pushen, sondern zu lernen, besser auf ihre Körpersignale zu achten.

Dore Steinert: Pat Cash und Mike Bryan haben dich nach Verletzungen kontaktiert. Wie kann Körperbewusstsein helfen, nachdem bereits eine Verletzung vorliegt – deren Behandlung ja im medizinischen Bereich liegt?

Melinda: Viele Spieler auf diesem Niveau, besonders diejenigen, die bereits seit früher Kindheit trainieren, haben irreversible Abnutzungserscheinungen und Schäden in den Gelenken. In diesen Fällen sprechen wir also nicht von Heilung, sondern von Schadensbegrenzung. Die Feldenkrais-Methode ermöglicht ihnen, die kontinuierliche Überlastung bereits betroffener Körperteile zu vermeiden und das Problem quasi zu umgehen, indem unschädliche Alternativen erprobt werden.

Allein das kann ausreichen, um der Verletzung Zeit zum Heilen zu geben. Bei irreversiblen Schäden kann eine Verschlechterung gestoppt oder verlangsamt werden.

Auch wenn Spieler medizinisch behandelt werden, egal ob durch Operationen, Spritzen oder andere Verfahren, bleibt ein Problem bestehen: Ihre Art sich zu bewegen hat in der Regel zu ihrer Verletzung beigetragen. Wenn man dieses grundlegende Problem nicht löst, wird es sich lediglich an eine andere Stelle verlagern.

Die Feldenkrais-Methode berücksichtigt dabei den ganzen Spieler und sein Verhalten auf dem Platz, statt sich auf einen spezifischen Punkt zu konzentrieren. Dieser Blickwinkel wird von den Spielern übernommen und wirkt sich auf ihr Spiel aus.

Dore Steinert: Betreffen Themen wie Überlastung, Ermüdungsverletzungen und Burnout nur Spieler der Weltrangliste, oder können auch Amateure von deiner Arbeit profitieren?

Melinda: Ich arbeite mit Erwachsenen und Kindern aller Leistungsstufen und aus den verschiedensten Bereichen. Die Prinzipien sind für alle gleich. Unabhängig davon, ob man eine Laufbahn als Profi anstrebt, zum Vergnügen oder als Freizeitbeschäftigung spielt, oder durch Verletzungen zu einer Trainingspause gezwungen wurde, ist es hilfreich, sein Körpergefühl zu verbessern und auf den Körper zu hören. Feldenkrais gibt konkrete Anhaltspunkte, wie man dieses Ziel erreichen und im Leben umsetzen kann – egal in welchem Bereich.

Dore Steinert: Melinda, danke für das Gespräch.

Weitere Informationen und Artikel von Melinda Glenister finden Sie unter: www.body-equilibrium.co.uk

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