Warum ich Feldenkrais entdeckt habe

In Gesprächen mache ich immer wieder die Erfahrung, dass viele Leute nicht die Zeit haben, die ganzen Texte auf meiner Seite zu lesen. Bis auf eine Ausnahme: meine persönliche Geschichte. Sie hilft fremden Menschen wohl einzuschätzen, mit wem sie es zu tun haben. Hier ist also meine persönliche Geschichte:

Der Traum vom Tanzen

Ich habe mich immer gern dance-83478__180bewegt.

Ich nahm Unterricht in Fechten, Volleyball, Yoga, vor allem aber Ballett – als Teenager trainierte ich täglich drei bis viereinhalb Stunden lang und träumte von einer Karriere als Tänzerin.

Ich war nicht gut genug, und ich hatte zu spät mit wirklich hartem Training begonnen. Im Alter von etwa zwanzig Jahren musste ich mir eingestehen, dass mein Körper den Anforderungen nicht gewachsen war und sich durch Disziplin nicht zwingen lies, die von ihm geforderte Leistung zu bringen.

Erste Schäden waren nicht zu übersehen. Trotz wöchentlicher Spritzen in die Knie nahmen die Schmerzen zu.Ich brach mein Training ab und beschloss, Schauspiel zu studieren. Der Wunsch nach Bewegung blieb.

In dieser Zeit lag wohl meine erste Begegnung mit Feldenkrais: ich las einen Flyer, der auf einen Kurs hinwies.

Mein erster Gedanke dabei: was für ein Schwachsinn. Die stehen wahrscheinlich im Kreis, fühlen Energiefelder, und können noch nicht einmal richtig schreiben (Krais statt Kreis). Ich habe den Flyer nicht mitgenommen.

No Pain, no Gain

taekwondo-78119__180Einige Jahre später begann ich mit Tae Kwon Do. Auch hier war das Training anspruchsvoll – unter den Teilnehmern waren deutsche Meister und Olympiateilnehmer. Wir trainierten mehrmals die Woche, nicht in erster Linie Formen (Katas), sondern Kampftraining – Begriffe wie „leichte Bewegung“ oder der Versuch, ohne Ehrgeiz an eine Sache heranzugehen waren mir fremd – auch wenn vollkommen klar war, dass ich – begabt, aber nur mit einem grün-blauen Gürtel – viel zu spät angefangen hatte, um im Taekwondo wirkliches Wettkampfniveau zu erreichen. Ich gewann mein erstes (regionales) Turnier durch K.O.

Einen Monat danach war ich schwanger.

Ich war achtundzwanzig Jahre alt, körperlich fit mit einigen Schwächen und regelmäßig auftretenden Schmerzen. Rückblickend war es wohl eine Mischung aus allen Bereichen, die in Feldenkrais angesprochen werden: alte Verletzungen und Brüche, schlechte Gewohnheiten, emotionale Verletzungen, Schonhaltungen und die Resultate meines jahrelangen Ballettunterrichts. Mein Rücken – genauer die Brustwirbelsäule irgendwo zwischen den Schulterblättern – war zu einer Schwachstelle geworden. Regelmäßig lag ich auf dem Boden und versuchte, mich mit Yogaübungen so lange zu dehnen, bis sich „Blockaden“ lösten. Es war schmerzhaft, aber in erster Linie lästig. Ich hatte das Gefühl, mit den Problemen zurecht zu kommen.

Das änderte sich mit der Geburt des ersten Kindes. Unter massivem Zeitdruck – sein Herz stand still – wurde eine Zangengeburt eingeleitet, mit Verletzungen von Gewebe und Wirbelsäule. Ich hatte nie die Zeit, mich davon zu erholen – mit erst einem, dann zwei kleinen Kindern, ohne ausreichende Betreuung und unzufrieden mit meiner unfreiwilligen Rolle als Hausfrau.

Aus Unwohlsein wurde chronischer Schmerz.

Von Arzt zu Arzt

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Ich bekam starke Medikamente verschrieben – mit dem Hinweis, es sei besser, sie nicht zu nehmen. Aus dem Beipackzettel entnahm ich, dass die Suchtgefahr größer war als bei Heroin. Ohne weitere Erklärungen, und ohne mein heutiges Wissen über die Chronifizierung von Schmerz, nahm ich sie nicht.

Meine Erfahrungen mit der Schulmedizin und Pharmaindustrie sind durchwachsen –  die Erfahrungen reichen von lebensrettend bis hin zu groben Fehlern. Ich bin inzwischen Heilpraktikerin, rate aber jedem, mit chronischen oder starken Schmerzen einen Arzt aufzusuchen. Wirklich helfen konnten sie allerdings nicht. In erster Linie, weil die Unterstützung immer ein wenig zu früh aufhörte: Blockaden ließen sich von einem Chiropraktiker lösen, aber sie kamen wieder. Physiotherapie brachte Entlastung, aber das Rezept war aufgebraucht, als es mir besser, und bevor es mir wirklich gut ging.

Ich konnte die Tage ohne Schmerzen inzwischen zählen, es waren vergleichsweise wenig. Sie begannen, einen immer größer werdenden Bereich in meinem Leben einzunehmen. Wenn ich die Wahl hatte, mit Freunden ins Kino zu gehen, oder mich hinzulegen, wählte ich Liegen. Bevor ich mich zum Essen verabredete, versicherte ich mich, ob es dort Stühle mit Lehne gab, oder nur Bänke. Ich besuchte keine Konzerte mehr und mied lange Schlange vor Ausstellungen, weil ich nicht lang stehen konnte.

Acht Jahre nach der Geburt meines Kindes wurde ein MRT gemacht. Innerhalb einer Woche änderte sich meine Diagnose von „machen Sie mehr Sport“ und „alle jungen Mütter haben Rückenschmerzen“ (mit einem deutlichen Unterton von „stellen Sie sich nicht so an“) zu „chronischen, unheilbaren und degenerativen Rückenschmerzen“.  Ich war sechsunddreißig Jahre alt und hatte das Gefühl, nicht mehr über mein Leben bestimmen zu können. Mein Rücken bestimmte mich.

Erkenntnisse

Ich begann nach Lösungen zu suchen. Chiropraktik (brachte nur kurzfristige Lösungen), Craniosacrale Therapie, Rückenyoga (ich hatte keine Lehrer. Mit dem gleichen Ehrgeiz wie beim Tanzen trainierte ich meine Fehlhaltungen), Akupunktur (in erster Linie erinnere ich mich daran, gefroren zu haben). Laufen, etwa jeden zweiten Tag für eine Stunde (an joggen war nicht zu denken). Zum Arzt, wenn es nicht anders ging.

courseDer Grund, warum ich wieder mit Feldenkrais begann, ist banal: eine Freundin hatte eine Affäre mit einem Feldenkrais-Lehrer und wusste, dass ich Rückenschmerzen hatte. Sie empfahl mir, mich an ihn zu wenden.

Ich bin dabei geblieben.Vielleicht war es Zufall, ein anderer Zeitpunkt oder eine bessere Erfahrung bei der Akupunktur hätten andere Weichen gestellt. Manche Methoden habe ich nie versucht.

Feldenkrais bietet Einzel- und Gruppenstunden. Die Kombination war für mich ideal: Hilfe zu haben, wenn ich selbst nicht weiterkam – aber von dieser Hilfe nicht wie von einem Physiotherapierezept abhängig zu sein. (Ich hatte finanzielle Probleme, die Möglichkeit, selbst etwas zu tun brachte nicht nur mein Selbstvertrauen zurück, sie machte die Methode für mich auch finanzierbar).

Vor allem merkte ich schnell, dass Feldenkrais etwas beinhaltete, das weit über das Thema „Schmerz“ hinausging (auch wenn dieses Thema für mich lange im Vordergrund stand).

Ich hatte mich mein Leben lang gern bewegt – merkte aber, dass nie überlegt hatte, wie ich mich bewegte, oder wie ich mir Bewegung angenehm machen konnte – die Leistung stand immer im Vordergrund. Allein die Frage überraschte mich. Ich war ein Mensch, der in Kaufhäusern gegen automatische Glastüren rannte, weil die Türen sich nicht schnell genug öffneten. Jetzt lernte ich Langsamkeit, und die Erlebnisse, die ich dabei hatte, waren faszinierend (bis hin zu optischen Illusionen und völliger Selbstvergessenheit). Ich war jahrelang davon ausgegangen, dass mein Rücken mir weh tat. Jetzt stand ich vor der Erkenntnis, dass es in Wahrheit anders herum sein könnte: ich tat meinem Rücken weh!

Heute

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Heute bin ich fünfzig. Aus den Schmerzen ist ein gelegentliches Unwohlsein geworden. Mein Körper ist nicht perfekt, aber er ist gut genug, um das Leben zu führen, das ich führen will. Es gibt keine Schmerzen mehr, die mich daran hindern. Ich habe mich verändert – weil ich es wollte, nicht, weil ich es musste. Manche Dinge, die ich früher ohne zu überlegen getan hätte, mache ich heute nicht mehr. Ich habe beschlossen, nicht mehr Snowboard zu fahren – weil mir meine Hände wichtig sind, nicht, weil ich es nicht mehr kann (ich bin heute in besserer körperlicher Verfassung als mit dreißig – was in Anbetracht meines damaligen Zustands keine Leistung ist). Ich brauche keinen Fallschirmsprung mehr, um zu beweisen, dass ich mithalten kann. Viele Dinge, die mich früher angetrieben haben, sind nicht mehr wichtig. Andererseits habe ich Möglichkeiten entdeckt, von denen ich nicht wusste, dass ich sie hatte. Ich kann schneller lernen.

Die Feldenkrais-Methode hat mit der Zeit an Anziehungskraft gewonnen, weit über meinen Körper oder meine Bewegung hinaus. Dr. Feldenkrais´ Ansatz empfinde ich nicht nur angenehm oder sanft, er ist ungeheuer intelligent. (Mein Lieblingszitat von Dr. Moshé Feldenkrais: „Ich bin nicht an beweglichen Körpern interessiert, sondern an beweglichen Gehirnen). Körper sind für mich faszinierende Rätsel mit einer eigenen Geschichte – und ich höre ihnen gerne zu. .

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